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Autor: J. J. Abrams und Doug Dorst

Verlag: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Sonstiges: (Limitierte Auflage)

Seitenzahl: 544 Seiten

  • Preis45 €

S – Das Schiff des Theseus

Von der praktizierten Passion zum Buche

Wenn Sie eine Buchhandlung Ihres Vertrauens haben, rate ich Ihnen, sie zu konsultieren und dort das Buch „S – Das Schiff des Theseus“ zu erwerben. Aber – Halt! – ist es nicht eine ungeschriebene Regel unter Rezensenten, eine Kaufempfehlung niemals ausdrücklich auszusprechen? In diesem Falle nicht. Denn „S.“ ist ein Buch für Buchliebhaber, ein Buch, das besessen werden will, insofern Sie von Büchern besessen sind. „S.“ ist ein fingiertes Buch, ein Machwerk, das vorgibt, aus dem Jahre 1949 zu stammen, verfasst von einem ominösen V. M. Straka, und dem Leser vorgaukelt, ein intensiv beackertes Bibliothekswerk zu sein. Entsprechend liebevoll ist das Erscheinungsbild der Papp-Schutzhülle des Buches: Nach dem Zerschneiden eines papiernen Siegels erwarten ihn ein leinener Einband mit Bibliotheks-Signatur und -Stempel und 544 von der Zeit gezeichnete, scheinbar vergilbte Seiten, die mit Randnotizen gespickt sind – fehlt eigentlich nur noch der markante Geruch antiquarischer Bücher, und die Illusion wäre perfekt.

Illusion, das Geheimnis, das Rätsel, die Neugier – das sind die tragenden Elemente des Buches, mit dem J. J. Abrams als „Produzent“, wie der etablierte Film-Regisseur (zuletzt „Star Wars – Das Erwachen der Macht“) und Doug Dorst als federführender Autor den Leser auf eine Reise schicken in die Abgründe der Forschung und der kapitalistischen Seele, in der die Menschheit zu einer faden Fleischsuppe gerührt wird. Es ist ein Buch über den mysteriösen S., den es von einem düstren Hafenviertel, halb bewusstlos, durchnässt und gänzlich ohne Erinnerung, auf ein seltsames Schiff verschlägt. Zugleich drehen sich die Anmerkungen des vorgeblichen Übersetzers F. X. Caldeira in den Fußnoten (wieder ein Mysterium: Wer ist Caldeira?) und der Studentin Jen mit dem Doktoranden Eric um die Identität des Autors. Und das letzte Rätsel: Warum erscheint dieser Eric, ein Bücherwurm wie Jen, niemals in natura, sondern kritzelt, wenn er mit Jen reden will, in das Buch hinein?

„Wer war V. M. Straka?“ – Mit dieser Frage beginnt das vorangestellte Essay des Übersetzers. War er ein einäugiger Pirat? Ein politischer Aktivist – ein Terrorist gar? Wer war dieser Kerl, der angeblich Hemingway ein Gespräch und seinen Lesern seine wahre Identität verweigerte? Der Prozess des Forschens, die Konkurrenz der literarischen Exegeten, der Dialog zwischen den Verfassern der „handschriftlichen“ Notizen, die bunt an den Seitenrändern gedruckt wurden – das alles bildet eine zweite Ebene des meisterhaft gesetzten Buches, einen Roman im Roman, der sich zwischen Jen und Eric abspielt. Einzigartig und reizvoll macht das Buch denn auch die zahlreichen Bonus-Materialien: kopiertes Archivmaterial, Postkarten, Ausschnitte aus Zeitungen – liebevoll aufbereitet zwischen den Seiten dekoriert. So wird jedes einzelne Blatt zu einem Bekenntnis zum geschriebenen Wort, in dem der Leser vom Hundertsten in Tausendste kommen kann.

Wie Kafka und Karl May, meinte die Süddeutsche Zeitung. Ich finde, es lassen sich eher Parallelen zu B. Traven ziehen: ein sozialkritischer Verfasser von Abenteuerromanen, die allesamt antikapitalistische Dystopien sind – ein Autor, dessen Identität nach wie vor in der Forschung (nicht nur in der germanistischen, sondern auch der anglo-amerikanischen) umstritten ist und der nicht zuletzt in seinem bekanntesten Werk „Das Totenschiff“ mit einer maritimen Kulisse experimentierte. Wer also stand den Autoren von „S“ Portrait für den fingierten Autor Straka?

Fragen über Fragen, die Abrams und Dorst aufwerfen, ohne jede einzelne hinreichend zu beantworten – und das ist auch gut so. Denn so ist der Leser geneigt, selbst mitzudenken – und ist das nicht das Ziel einer jeden Forschung – ist das nicht das Ziel von Literatur überhaupt: zu denken? Insofern ist „S“ ein kreativer Malstrom, in dem man mehrere ́Tage und Wochen versinken kann, auch wenn der Preis dafür – stolze 45 Euro – eher einer literarischen Luxuskreuzfahrt in die Karibik gleicht. Aber, Hand auf’s Herz: In der Buchhandlung Ihres Vertrauens kann man das getrost investieren.

Johannes Bolte


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