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Autor: Julian Barnes

Verlag: Kiepenheuer&Witsch

Seitenzahl: 256

  • Preisca. 20 €

Der Lärm der Zeit

Den richtigen Ton angeschlagen

– hat der literarische Routinier Julian Barnes in seinem neuesten Roman „Der Lärm der Zeit“. Wenn Julian Barnes über ein Buch Schostakowitsch schreibt, dann ist das ungefähr so, als würde Quentin Tarantino einen Film über Beethoven drehen: die Creme de la Creme der schönen Künste unter sich. Barnes musste sich dabei keinen Arm ausrenken, um der Figur des Komponisten tragische und für eine breite Öffentlichkeit spannende Züge zu verleihen. Denn wie ein Damoklesschwert schwebt Stalin im Russland der Dreißiger und Vierziger Jahre über den Häuptern der Kreativen, die scharenweise auswandern, um sich der Repression in der Sowjetunion zu wiedersetzen.

Schostakowitsch bleibt. Mit Anzug und Koffer wartet er jede Nacht darauf, abgeholt zu werden, weil seine Oper Stalin nicht gefallen hat, er denkt an Frau und Kinder, manchmal auch an Selbstmord, an Strawinsky, daran, welche Opern er noch hätte schreiben können. Überhaupt denkt nur einer in dieser fiktionalen Biografie – und das ist Schostakowitsch selbst. Über 245 Seiten erinnert er sich, denkt an Gogol und an Fußball (eine Interpretation very british der russischen Seele), sucht die verlorene Zeit. Durch die Perspektive des personalen Erzählers versucht Barnes, seinem Protagonisten näher zu kommen, wagt dabei aber den Spagat, dem Leser lebensweltliche Informationen nicht vorzuenthalten, die zum Verständnis notwendig sind.

Man muss also kein auf russische Sinfonien des 20. Jahrhunderts spezialisierter Musikwissenschaftler sein, um dem Bewusstseinsstrom des Komponisten zu folgen. Musik hat – seltsamerweise – denn auch eine eher sekundäre Funktion in Barnes Kosmologie: Keine einzige Beschreibung von Schostakowitschs Musik ist in dem Buch zu finden – denn spricht gute Musik nicht immer für sich? – wohl aber ist der titelgebende Lärm der Zeit omnipräsent. Und was anderes kann man machen, als dem Lärm der Zeit etwas entgegenzusetzen, sei es eine Sinfonie, sei es ein Buch, seien es geruhsame Stunden des Lesens.

Johannes Bolte


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