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Die Kunst des Erzählens Autor: James Wood

Verlag: Rowohlt Verlag

Sonstiges: Mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann, übersetzt von Imma Klemm.

Seitenzahl: 240 Seiten

  • Preisca. 10 €

Die Kunst des Erzählens

Von der mühseligen Arbeit, im Sessel zu versinken.

Die literarische Landschaft im digitalen Zeitalter… Amazon verdrängt den Buchhandel. ..E-books… Schreibwerkstätten, die neuen kreativen Hochburgen, Schreibschulen, an denen Akademikerkinder uns mit ihren kargen Erfahrungen traktieren lernen, Blogs… Poetry-Slams… Phrasendrescher, die sich im Schlamm des Publikums suhlen… „Mag die gedankenlose Menge vor einem Kunstwerk in Beifallsstürmen toben“, möchte man mit Leo Perutz sprechen, „ – mir enthüllt es die zerstörte Seele seines Schöpfers.“ Tolstois wallender Bart würde im zuckenden Flammenmeer aufgehen: warum hat er seinen Iwan Iljitsch sterben lassen? – Für diese Horde? – Fjodor Michailowitsch würde sich wie sein Idiot vorkommen… Warum hat er seinen Raskolnikow den Weg des Leidens einschlagen lassen? – Und Papa Hemingway müsste erst einmal zum Glas greifen, wenn er hören würde, was aus der guten, alten Literatur, Büchern, beladen mit der vergilbten Weisheit der Jahrhunderte, geworden ist… Wie schreiben lernen im digitalen Zeitalter? Das ist doch die Frage, um die ein Planet sich dreht, dessen präpubertäre Seite vom Asteroiden J.K. Rowling beschienen wird, während in seinen düsteren Eingeweiden Stephen King wühlt — Dieser Frage scheint das Buch „Die Kunst des Erzählens“ auf der Spur zu sein. Dabei wurde der Titel missverständlich übersetzt; im englischsprachigen Original heißt das Werk des Literaturwissenschaftlers James Wood einfach How Fiction Works – Wie Fiktion arbeitet. Das hört sich im ersten Moment nicht so schön an wie Die Kunst des Erzählens, ist aber weniger missverständlich. Denn Erzählen- das arbeitet Wood wunderbar heraus – ist eine exakte, harte Arbeit. Wie kann ein Text eine Dynamik gewinnen? Was ist Nabokovs Fehler im Umgang mit dem Detail? Schnell wird klar, dass James Wood keine Studie des Schreibens vorgelegt hat. Vielmehr blättert der Leser durch eine Schule des Lesens. Lesen heißt beobachten lernen, könnte man die Prämisse des Autors unmissverständlich auf den Punkt bringen. Dabei operiert Wood leider allzu oft mit Beispielen aus dem angloamerikanischen Sprachraum. Während die deutschen Klassiker weitestgehend ausgeblendet werden – Goethe, Schiller und E.T.A. Hoffmann fehlen völlig – zitiert Wood Henry James, Saul Bellow und John Updike. Der Obervater des Erzählens ist bei Wood kein geringerer als Flaubert, den er als den ersten literarischen „Flaneur“ bezeichnet. Man möchte fast meinen, James Wood wäre ein solcher Flaneur, der uns durch einige Gassen der Weltliteratur führt, während er andere meidet. Dabei nimmt der Autor seine Leser an die Hand; er predigt nicht von einer Kanzel herab; er will, ohne großartig theoretisieren zu müssen, des Lesers literarische Beobachtungsgabe schärfen. Und was wirklich wunderbar ist: Wood schafft es, gut Lust und Laune zu machen, wieder einmal zu einem dicken Wälzer zu greifen, zu einem realistischen Roman oder einem modernistischen… ganz gleich. Obwohl der deutschsprachige Leser nicht alle im Buch angegebenen Beispiele kennen kann (einige der angegebenen Werke liegen noch nicht einmal in deutscher Übersetzung vor), und obwohl diese Beispiele eben nur eine Auswahl aus einem reichen Wald der Weltliteratur darstellen, ist das vorliegende Buch wertvoll. Der totgesagte realistische Roman des 19. Jahrhunderts wird bei Wood lebendig. Schwülstige Adjektive können erlebte Rede sein – es ist alles eine Frage der Perspektive. Wood lehrt uns, diese Perspektive einzunehmen. Und das macht uns nicht nur zu besseren Lesern, sondern vor allem zu bewussteren – wir lernen aus der Sicht eines Autors zu urteilen. Wer selbst am Schreiben interessiert ist, kann daraus viel für die eigene Arbeit lernen. Dieses bewusstere Lesen bedeutet aber auch ein Gefühl höchster Verzückung. Es geht doch nichts darüber, ist man zu behaupten geneigt, ein gutes Buch in der Hand zu halten, ein Buch, das man nach langem Suchen in dem Buchladen des Vertrauens gefunden hat (das sind sowieso die besten Bücher – die man nicht gezielt sucht, sondern einfach findet), während man, die Beine hochgelegt, in einem flauschigen Sessel versinkt.

Johannes Bolte


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