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Rohstoff Autor: Jörg Fauser

Verlag: Diogenes

Seitenzahl: 336 Seiten

  • Preisca. 10 €

Rohstoff

Der Schrei, der in der Nacht erstarb.

Aus was sind wir? 65 Prozent Wasser, etwa 210 müde Knochen, 656 zuckende Muskeln, niveacremegetränkte Haut… – ein Haufen Materie, der, glauben wir amerikanischen Ärzten, in dem Moment, in dem unser starkes Herz aufhört zu schlagen, 21 Gramm Gewicht verliert. Sicher, sicher, das puritanische Pack dort drüben, auf der anderen Seite des Atlantik, lokalisiert in diesen paar Gramm die menschliche Seele. Komisch, dass niederländische Physiker in einem ähnlichen Experiment einen Gewichtsverlust von etwa 70 Gramm ermittelten – mehr als das dreifache! Bedeutet das, die US-Amerikaner hätten weniger Seele, oder nahmen sie etwa, um eine Nation zu entfetten, eine Seelendiät vor, in der sie Erfahrungen durch Cheeseburger ausgetauscht haben? Fragen über Fragen, die hier nicht besprochen werden können… Der deutsche Autor Jörg Fauser jedenfalls, kaum hat er Nachricht davon erhalten, verarbeitete diese verblüffenden 21 Gramm in dem biertrüben Gedicht „Das Gewicht der Seele“, das so endet: „Freudlos sitze ich diese Nacht über den Tasten/ und verstehe doch nichts anderes/ als mich an die 21 Gramm zu klammern,/ die meine Finger schreiben machen/ und meine Träume vorbereiten/ auf den Tod.“ Fünf Jahre nach Erscheinen des Gedichtes war Fauser auf dem Zenit. In dieser kurzen Zeit hatte er eine Handvoll Bücher geschrieben, einen Krimi, einen Band mit Erzählungen, einen mit Essays zu Pop-Kultur. Sein autobiografischer Roman „Rohstoff“ erschien 1984 (George Orwell hatte Unrecht: zwei mal zwei waren noch immer vier), und Fauser träumte drei weitere Jahre seine Träume. Dann starb er, als er trunken die Autobahn bei München überquerte, auf dem Heimweg von seiner eigenen Geburtstagsfeier. Jörg Fauser sah sich niemals um, wenn er über Straßen ging. Er war ein Grenzgänger, den Blick nicht, wie Böll, der Hans Guck-in-die-Luft der deutschen Literatur, klagend gen katholischen Himmel erhoben, oder wie Günter Grass am Danziger Strand herumkrebsend, nein, für Fauser gab es nur eine Richtung: geradeaus, über die Straße, ab in die nächste Kneipe, ab in das Milieu. Unseren rohen, unbehauenen Stoff, aus dem wir sind, mit Hammer und Meißel bearbeiten, Erfahrungen sammeln, beobachten, uns selbst mit allerlei Rohstoffen verpesten, veredeln, die Seele beschweren, abheben, erhaben über eine spießige Hausbesetzer-Szene, biedere Trotzkisten, pseudointellektuelle Studenten.Opiumverschleiert in Istanbul. Um darüber zu schreiben. Dafür machte Fauser das, wie er uns berichtet. Von Anfang an wollte er nur schreiben. Über die Abgründe der Gesellschaft, als deren authentischstes Mittel er den verpönten Kriminalroman ansah, über Rausch und Leben und Liebe. Er wusste, was viele gegenwärtige Autoren aus bürgerlichem Hause nicht wissen: Dass man Erfahrungen braucht, um zu schreiben. Da kann es schon mal vorkommen, dass man, von dem Literaturbetrieb ausgeschlossen, als Nachtwächter arbeiten muss, die Stabtaschenlampe in der einen Hand, den zerlesenen Dostojewski in der anderen, in der Jackentasche den obligaten Flachmann. Fausers alter Ego Harry Gelb boxt sich in „Rohstoff“ durch solche Stationen, klopft spindeldürr an die Tür seiner Eltern, rappelt sich auf, zieht herum, kostet den deutschen Brei, „diese klebrige Soße, die sie mit ihrer Kulturproduktion servierten, und diese Soße schmeckte so schlecht, weil sie zubereitet war aus den Rückständen politischer Krankheiten, aus den überlebten Doktrinen des Jahrhunderts, und angereichert mit den politischen Modebegriffen der jeweiligen Saison.“ Kriegt eine Wohlstandswampe am Stehbierausschank. Schreibt nächtelang. Der Erfolg will nicht kommen. Dabei will Harry Gelb alias Jörg Fauser nichts anderes als ein Publikum mit ehrlichen Sätzen ehrlich unterhalten.Und wir Leser hocken in diesen Momenten, in denen der Sog der Sätze uns erfasst hat, in unseren stillen Kämmerlein und fragen uns, warum wir von diesem Fauser noch nie etwas gehört haben, warum seine Bücher in den größeren Buchhandlungen dieser unseren Stadt nicht vertreten sind, warum da immer nur die Einheits-Buchstabensuppe aufgekocht wird, die so verdammt bekömmlich und fad ist, dass sie uns zum Halse raushängt… – und dann hören wir schlitternde Reifen und einen leisen, ersterbenden Schrei in der Nacht, und in diesen schwermütigen Momenten wissen wir, der Mensch ist kein Überflieger, er ist an die Erde gebunden durch seine Materie, und die Welt ist wieder um 21 Gramm leichter geworden…

Johannes Bolte


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