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Autor: Peter Schuster

Verlag: Klett-Cotta

Seitenzahl: 416 Seiten

  • Preisca. 27 €

Verbrecher, Opfer, Heilige

Ein unbequemes Kapitel abendländischer Geschichte

Das düstre Mittelalter: Scharfrichter mit dunklen Henkersmützen, aus denen leere Augen die gemarterten Opfer richten; die willkürlich Kleinkriminelle foltern, köpfen, hängen und im Dienste von Inquisition und Hexenwahn, Häretiker und vermeintliche Satansbräute auf Scheiterhaufen anzünden. Dies jedenfalls ist das verklärte Bild der historischen Strafjustiz aus dem 19. Jahrhundert, das wohl bis heute zum hartnäckigen Klischee des finsteren Mittelalters beigetragen hat.

Dieses „staatliche“ Töten, das der Bielefelder Historiker Peter Schuster fokussiert und einer gründlichen Revision unterzieht, ist dabei jedoch weniger ein exklusives Phänomen des Mittelalters als vielmehr eine Konstante im Frühneuzeitlichen Europa. Seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als das mittelalterliche Gewohnheitsrecht in ausdifferenzierten Gesetzestexten fixiert wurde, nahm das staatliche Töten sukzessive zu: Auch Hexenverbrennung und Inquisition waren Phänomene jener Zeit. Gleichwohl wäre eine Trennung zwischen den klassischen Epochengrenzen – zwischen Mittelalter und der Inkubationszeit der Moderne – in Hinsicht auf die formale Operation staatlichen Tötens und dessen mentaler Repräsentanz in den Quellen nicht zielführend. Vielmehr versammelt Schuster aus den spätmittelalterlichen Archivalien Beispiele, welche die Praxis der Todesstrafe in der Frühen Neuzeit plausibilisieren und in einem neuen Licht erscheinen lassen. Sein Ziel ist nicht, ein Kuriositätenkabinett des Grauens oder ein Theater des Schreckens aufzuziehen, sondern eine in Mitteleuropa glücklicherweise vergangene Praxis zu verstehen, indem sie in historische und soziale Kontexte eingeordnet wird.

Bereits im letzten Jahr erschien in deutscher Sprache die Studie des britischen Historikers Joel F. Harrington über den Nürnberger Scharfrichter Meister Franz, der akribisch Tagebuch über seine Amtstaten zwischen 1573 und 1617 führte: Ein Henker wider Willen, der Zeugnis ablegte, um eine soziale Katharsis zu erfahren – und einen Lebensabend abseits des verrufenen Henkerdaseins, als anerkannter Heiler und Bürger Nürnbergs, zu fristen. Peter Schuster nun geht in seiner Darstellung der Todesstrafe einen Schritt weiter. Zeitlich und räumlich ist seine Darstellung weit gefasst. Souverän ist somit der Historiker wie ein Puppenspieler in der Lage, die Bühne zu beherrschen, regional zu vergleichen, zu differenzieren und gleichförmige Phänomene von dem Besonderen zu unterscheiden. An einigen Stellen – die fleißigen Fußnotenleser werden sie finden – richtet sich Schuster explizit gegen Harrington mit einem für die Wissenschaftswelt sanften, beinahe zarten Duktus, indem er ihn nicht bloßstellt, nicht beleidigt, nicht strafend mahnt, sondern mit dem Samthandschuh in den Fußnoten touchiert – das ist noch so etwas wie Anstand in der hämischen Schlangengrube des Wissenschaftsbetriebes…

Es ist eine zutiefst verstehende Studie, die gleichermaßen nach Mitteln und Möglichkeiten, nach Henkern und Opfern, also nach dem Wie des staatlichen Tötens, fragt. Eine Frage nach dem Warum der Todesstrafe in der Frühen Neuzeit mag das Buch freilich nicht zu beantworten – das wäre auch gar nicht möglich. Etwa der abwegige Gedanke, mit fortschreitendem Zivilisationsgrad würde den Menschen der Neuzeit die Todesstrafe fremd sein – vielmehr lohnt die Betrachtung dieses unbequemen Kapitels noch immer im Hinblick auf die aktuelle Lage, wie Schuster immer wieder betont. So bedient der Historiker sich bei dem Existenzialisten Camus, der mit seinen Gedanken zur Todesstrafe zentrale Fragen in Vergangenheit und Gegenwart aufwarf. Wenn schon Camus, so fragte ich mich, wo bleibt dann Dostojewski, der immer wieder aus der Innenperspektive eines zum Tode Verurteilten zu schreiben vermochte, weil er selbst zum Tod verurteilt, im letzten Moment aber begnadigt und in ein sibirisches Straflager verbannt wurde. Wo also bleiben diese intensiven Eindrücke, oder die Märchen und Sagen der Gebrüder Grimm und Anderer, die Volkskundler konsultieren würden, wo bleiben die volkstümlichen Narrative, die uns über den Umgang und die Memoria der Gemarterten Einblick verschaffen würde?

Peter Schuster bleibt stattdessen bei seinen Leisten – soll heißen, seine Quellen sind die amtlichen Quellen, die seit dem späten Mittelalter überliefert sind. Vielleicht würde ein Volkskundler andere Fragen an das Thema stellen, die Schuster nicht erst aufwirft. Schuster jedenfalls vermag es, auf einer breit gefächerten hermeneutischen Basis eine profunde Überblicksdarstellung abzuliefern, die solide geschrieben ist und auch abseits der verbohrten Historiker-Zunft zweifelsfrei interessant sein dürfte, und das mag etwas sein, das in dem ungenießbaren Brei der Geschichtsschreibung selten der Fall ist.

Johannes Bolte


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